Biohacking / Citizen Science

By 22. August 2018Unkategorisiert

Auf der 4. Make Munich wurde mit Biohacking & Citizen Science eine neue Themenarea ins Leben gerufen. Hier findet ihr noch einmal alle Projekte und Videos zum Thema. Warum machen wir das? Hier stellen sich die Organisatoren Jenny und Martin den Fragen zur neuen Area.

Biohacking – Gentechnologie für alle

Rüdiger Trojok

DIY Laborgeräte aus Konsumerelektronik

Marc Dusseiller Hackteria, Urs Gaudenz GaudiLabs

Was passiert, wenn man ein DIY Biolabor crowdfundet

Bento Labs

Feinstaub selber messen

Matt Fullerton OK Lab München / luftdaten.info

DIY Biologie für jedermann – wie kann und warum sollte man mitmachen?

Paneldiskussion mit Jérôme Lutz, Julian Chollet, Marc Dusseiller, Urs Gaudenz, Rüdiger Trojok, Sascha Schwarz, Philipp Boeing

Bento Lab – Erforsche DNA mit dem Labor zum Mitnehmen

brainboost Neurofeedback

Mission 4 Freeway

Interview mit Jenny Ludwig und Martin Laarmann zum Ausstellungsbereich „Biohacking“ auf der Make Munich am 6./7. Mai 2017 in der Zenith Halle München

 

Biomaterialien Workshop mit Julian Chollet

Q: Auf der Make Munich gibt es dieses Jahr erstmals den Bereich „Biohacking & Citizen Sience“. Was genau verbirgt sich hinter dem Begriff Biohacking?

Martin Laarmann: Gerenell bezeichnet Biohacking eine Bewegung die jedem Zugang zu wissenschaftlicher Forschung gibt, nicht nur nicht nur staatlchen, universitären und  unternehmensinterenen Forschungslaboren. Biohacking ist momentan der bekannteste Begriff für eine Szene in  in  die viele Bereiche hineinspielen – vom heimischen Experimentieren mit Fermentationsprozessen über den 3D Druck von Zellen, zu Algenzucht als Energielieferant bis hin zu Genmodifikationen und Selbstoptimierungsversuchen. Es gibt Biohacker, die mit Pflanzen oder Bakterien experimentieren und tatsächlich auch solche, die sich mit Selbstoptimierung befassen – von Verjüngungskuren bis hin zu Cyborg-ähnlichen Chip-Implantaten, die zum Beispiel Körperfunktionen messen und auswerten oder auch mit Geräten kommunizieren.

Auch Citizen Science, also „Bürgerwissenschaft“, ist ein wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang. Dabei geht es darum, dass jeder Bürger (daher der Begriff) zu wissenschaftlicher Forschung beitragen kann. Die Masse der Beteiligten beschränkten sich früher darauf Vögel zu beobachten, Bienenkulturen zu dokumentieren oder ihre Rechnerkapazität für Weltraumprojekte zur Verfügung zu stellen. Heute nehmen die „Laien“ unterdessen eine viel aktivere Position ein. Ein gutes Beispiel  ist das weltweite Netzwerk Hackteria.org dessen Mitglieder Bauanleitungen für den Selbstbau von Laborgeräten entwickeln und aktiv Workshops überall in der Welt geben. Damit wird es möglich, sich jenseits von gut ausgestatteten Universitäten mit dem Thema Biologie in all seinen Facetten zu befassen.

 

BCI Race – ein Autorennen mit Brain-Computer Interface steuern

Q: Der ganze Bereich der Gentechnik wird gerade wieder sehr kontrovers diskutiert – sei es im Zusammenhang mit dem Thema „ewige Jugend“ oder im Hinblick auf mögliche Eingriffe in die Natur bzw. in das Erbgut von Menschen, Pflanzen etc. Warum ist das plötzlich wieder so aktuell geworden?

Jenny Ludwig: Nun, zum einen haben die Medien diese Themen, aufgrund von aktuellen Entwicklungen und Fortschritten im Bereich der Gentechnik, in letzter Zeit verstärkt aufgegriffen und so die Aufmerksamkeit breiter Bevölkerungsschichten darauf gelenkt. Und zum anderen haben die mittlerweile weltweit sehr gut vernetzten Biohacker sozusagen eine kritische Masse erreicht. Die Menschen realisieren langsam auch außerhalb dieser Netzwerke, dass Dinge, die ehemals als Sci-Fi galten, heute durchaus machbar sind bzw. in den Bereich des Möglichen vorrücken. Da findet ein enormer Wissenstransfer statt, der im Grunde für jeden zugänglich ist.

Gerade solche Themen wie CRISPR/Cas (Neuartige biochemische Methode, um DNA gezielt zu schneiden und zu verändern) erzeugen auch viel Ängste. In diesem Zuge tauchen dann natürlich auch Fragen ethischer Natur auf – also ob wir das technisch Machbare nun auch in die Tat umsetzen wollen oder dürfen, welche gesetzlichen Rahmenbedingungen dafür geschaffen werden müssen und so weiter.

 

Kombucha Workshop mit Julian Chollet

Warum habt Ihr Euch dazu entschlossen, dem Bereich Biohacking und Citizen Science dieses Jahr eine eigene Area auf der Make Munich zu widmen?

Martin Laarmann: Mit dieser Frage sind wir bei einem wesentlichen Punkt. Was wir mit der Make Munich erreichen wollen ist die Verbreitung von Wissen. Wir sind der Überzeugung, dass man Sachverhalte nur bewerten und diskutieren kann, wenn man sie auch versteht und einzuschätzen weiß. Angst ist ein Phantom – am meisten Angst hat der Mensch vor Dingen, die er nicht versteht. Sobald die Informationsbarrieren fallen und jeder sich ein fundiertes Bild machen kann, entsteht auch eine gewisse Diskussionsgrundlage. Und wir finden einfach, dass ethische Fragen in Bezug auf Fortschritt und Wissenschaft nicht nur fachintern hinter verschlossenen Türen diskutiert werden sollten, sondern auch von Philosophen, Soziologen, Designern und der Bevölkerung. Es geht hier schließlich um Grundlagen, die unser aller Leben in Zukunft verändern werden.
Wir wollen mit der Make Munich unseren Beitrag leisten, Wissen zu demokratisieren. Das ist eines unserer elementarsten Grundanliegen.

Jenny Ludwig: Uns fasziniert gerade das unglaublich Vielfältige und Lebendige dieser Szene. Hier wird spielerisch viel ausprobiert. Nicht gleich auf dem Niveau der Gentechnik sondern in Bereichen, die uns jeden Tag umgeben, aus denen unser Körper aufgebaut ist. Verdauung, Ernährung, Bakterien, Kleinstlebewesen. Die Bausteine unseres Lebens, die wir gerade nochmal neu entdecken. Seien wir doch ehrlich, das Thema Biologie lassen wir meist mit der Schule hinter uns. Dabei waren wir doch schon immer Biohacker, wie die lange Kultur vom Bierbrauen und dem Käsen belegt.
So wie das 20 Jahrhundert das Zeitalter der Silizium Computer war, wird das 21. Jahrhundert der biologischen Systeme und Maschinen. Es wird Zeit, dass wir uns Wissen aneignen, um mitbestimmen und Fragen stellen zu können, bevor Staaten und Konzerne für uns Entscheidungen treffen.

 

Philipp Boing, Jerome Lutz

Können Sie uns ein paar Beispiele nennen, wie Biohacking unser Leben verändern könnte?

Jenny Ludwig: Da gibt es ganz unterschiedliche Szenarien. Sie selbst können checken, ob ihr Kaschmirjäckchen nicht mit Viskose gestreckt ist. Sie können mit günstigen Equipment auch in abgelegenen Ecken der Welt checken, wer das Wasser mit was verseucht. Es wird möglich werden, die Verbreitung von bestimmte Krankheitserregern einzuschränken, indem wir die Gene der Wirtstiere wie der Zika übertragenden Fliege so verändern, dass sie sich nicht mehr vermehren können. In eine ganz andere Richtung geht die Modifikation des menschlichen Körpers anhand von Mikrochip-Implantaten. Diese Cyborg-Vorstellung ist in einem Bürokomplex in Stockholm sogar schon Realität geworden: Eine Firma hat einen winzigen Chip entwickelt, der bei den Mitarbeitern auf freiwilliger Basis zwischen Daumen und Zeigefinger unter die Haut gesetzt wird und der mit Sensoren in Türen und Büromaschinen kommuniziert und sämtliche Berechtigungskarten im Unternehmen ersetzt.

In den USA gibt es eine Gruppe von Biohackern, die an Leuchtpflanzen arbeiten. Die Projekte sind unglaublich vielseitig. Wobei man aber auch sagen muss, dass die Gesetze bei uns in Deutschland bzw. in Europa wesentlich strenger sind, als z.B. in den USA. Bei uns ist es verboten, Lebewesen in der heimischen Küche gentechnisch zu verändern oder neukonstruiertes Erbgut in ein Lebewesen einzuschleusen.

 

Meditation mit brainboost Neurofeedback

Was gibt es auf der Make Munich im Bereich Biohacking zu erleben?

Martin Laarmann: Die Programmdetails und Ausstellerinfos werden wir in Kürze veröffentlichen, aber ein paar Sachen können wir schon verraten:

Wir haben z. B. Leute vom iGem zu Gast. IGEM ist ein vom MIT ausgerufenerer weltweiter Wettbewerb, sich mit Organprinting auseinander zu setzen. Dadurch sind weltweit Studentengruppen gegründet worden, die sich an ihrer jeweiligen Universität dem Thema widmen. Auch die Uni München ist dabei und wird ihren Stand der Dinge zeigen.

Es wird einen Stand der Hackteria geben, einem weltweiten Biohacking-Netzwerk, und von GaudiLabs, die Selbstbau-Laborgeräte vorstellen (Spektroskope, Zentrifugen etc.). Wir bieten Workshops zum Thema Kombucha und Fermentation an – Biohacking hat nämlich auch mit Bakterien, Hefen und Kleinstlebewesen zu tun. Daneben werden wir uns gemeinsam mit Biomaterialien beschäftigen und anschauen, wie weit diese für die Produktion geeignet sind. Wir werden z. B. Kombucha-Leder bearbeiten.

Und wir haben ein großes Vortragspanel zum Thema, am Samstag in der „Future Zone“. Wir beginnen mit einem Vortrag von dem Autor Rüdiger Trojok über Biohacking. Sascha Schwarz von der Uni München, stellt dar was die Wissenschaft von der Makerbewegung lernen kann. Unter der Leitung von Jerome Lutz von SynBio.INFO wird es eine Panel-Diskussion geben. Da stehen die kontroversen Themen des Biohacking im Fokus: Wir werden konkrete Themen nennen, an denen gerade gearbeitet wird, und auch diskutieren, ob es überhaupt gut ist, dass Untersuchungen außerhalb etablierter Institute geführt werden.

Ganz wichtig: Wir werden auf der Messe keine Genmanipulation präsentieren und kein geschütztes Material verwenden und selbstverständlich die Restriktionen einhalten, die es nach deutschem Recht verbieten, außerhalb eines Laborstandards mit Genmaterial umzugehen.


Jenny Ludwig ist für Programmentwicklung und die Betreuung der Maker verantwortlich und hat die Biohacking Area auf der Make Munich ins Leben gerufen.

Martin Laarmann ist Geschäftsführer der Make Munich und kümmert sich unter anderem um die Bereiche Sponsoring, Kooperation und Presse.

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